Runst 2010

Rennsteigwanderung 2010 vom 22.05. bis 28.05. von Blankenstein nach Hörschel
von Roland Speitel – Insheim
Der Anfang des Monates Mai war verregnet – 22. Mai 2010 – Nun standen wir an der Selbitzbrücke, am Beginn unserer Rennsteigwanderung. 168,3 km standen auf dem Wegweiser, der nach Hörschel zeigt. Eigentlich war es noch etwas weiter, denn eine Neuvermessung des Rennsteiges in den Jahren 2002 und 2003, an der der Thüringer Rennsteigverein e.V. Neustadt am Rennsteig beteiligt war, hatte 169 km – 293 m und 77 cm ergeben.
Der Mai war also bisher verregnet. Aber heute, am 22. Mai, schien die Sonne und begleitete uns bis zum vorletzten Tag.
Manfred Kastner, der 1. Vereinsvorstand des Thüringer Rennsteigvereins und Organisator der Wanderung, stellte die Teilnehmer vor.
Da waren Hans Meißner (Schonungen) und Nordfrid Schiller (Klingenmünster), mit mir Roland Speitel, die Senioren. Hans, bescheiden und zurückhaltend, aber stets interessiert, Nordfrid ebenfalls ruhig, manchmal jedoch auch witzig. Beide meisterten die Wanderstrecke mit einer stoischen Ruhe und gleichmäßigem Wanderschritt. Sie ließen sich kaum von ihrem Schritttempo abbringen.
Auch Horst Brettel (Neustadt am Rennsteig) war die Ruhe selbst. Als leidenschaftlicher Pfeifenraucher suchte er stets ein ruhiges Plätzchen für seine Passion. Ausgestattet mit reichhaltigen Pfeifenutensilien – drei bis vier Pfeifen waren stets einsatzbereit – beduftete er seine Umgebung mit einem angenehmen Smoke.
Matthias Altenfelder (Mainberg), meiner Einschätzung nach hoch intelligent, in der ehemaligen DDR auf die falsche berufliche Bahn geleitet, erfreute uns öfters mit Reimversen.
Dann war da Andreas Schabel (Schweinfurt); ein trockener Typ! Er konnte durch unerwartete logische oder auch unlogische Aussagen schockieren. Oft suchte er hinter einfachen Begriffen eine tiefere Bedeutung und unwahrscheinliche Zusammenhänge. Ja, Andreas war stets sehr nachdenklich.
Als Ehepaar begleiteten uns Thea und Karlheinz Kupfer (Mainberg). Beide lustige Leute. Thea ließ sich als einzige Frau unter uns Männern nicht beeindrucken. Sie lief tapfer mit und genoss die Schönheiten der Natur. Karlheinz hielt durch mit Hilfe eines undefinierbaren Tiroler Marillengetränks, das er öfters als Antriebsmittel auch den anderen Wanderfreunden anbot.
Valdesir Schlup ist Brasilianer und war zu Besuch in Deutschland. Er kannte solche Wandergepflogenheiten, wie er sie bei uns nun erlebte, in Brasilien nicht. Im Durchschnitt täglich 25 km wandern, das gehörte nicht zu seiner Vorstellungswelt. Deshalb wunderte er sich auch am ersten Tag über unsere Wanderschaft; und er war am Abend so mitgenommen, dass alle in unserer Gruppe glaubten, dass Valdesir uns am nächsten Tag nicht mehr begleiten würde. Aber weit gefehlt! Er war da, und lief täglich tapfer mit bis nach Hörschel.
Thomas Kastner (Gädheim) und Olaf Kastner (Gochsheim), Brüder, unterscheiden sich schon äußerlich: während Olaf aus freundlichem rundlichem Gesicht blickt, schaut der Schalk aus dem mehr ovalen Antlitz von Thomas. Während Olaf zurückhaltender, ruhiger ist, sprüht aus Thomas stets die reine Lebensfreude. Obwohl beide so unterschiedlich sind, haben sie doch eines gemeinsam: sie können eine Gesellschaft stundenlang durch witzige Bonmots unterhalten. – Auch Olafs Sohn Christian wanderte tapfer und ohne zu klagen die lange Strecke über den Rennsteig. Zwischendurch fand er auch noch Kraft, sich mit mathematischen Problemen, die ihm Nordfrid nahe brachte, auseinander zu setzen.
Olaf entpuppte sich, zwar nicht von ihm zugegeben, aber doch faktisch als geheimer Wanderführer. Er holte entlaufene Schäfchen dezent, aber konsequent in die Herde zurück und führte sie auf den rechten Weg. Zudem beobachtete er, unterstützt von Horst, jede Veränderung am Rennsteig, registrierte Veränderungen, Beschädigungen oder Entfernungen von Wegzeichen und Informationstafeln und hielt dies fotografisch zur späteren Aufarbeitung fest. So diente unsere Wanderung uns nicht nur zum Vergnügen, sondern sie war auch gleichzeitig eine Arbeitswanderung des Thüringer Rennsteigvereines e.V. Neustadt zur Pflege des Rennsteiges. Es ist erschreckend und bedauerlich, wie viele Beschädigungen wir unterwegs feststellen mussten. Leider gibt es auch Menschen, die den Rennsteig nutzen, aber die ehrenamtliche und auch bezahlte Arbeit zur Erhaltung und Pflege dieses wunderbaren Naturdenkmals nicht würdigen, sondern sogar Zerstörungen verursachen. So waren viele defekte Wegweiser, Schutzhütten und Sitzgruppen zu finden, Hinweisschilder auf Naturdenkmale umgeworfen oder sogar entfernt worden, Grenzsteine umgeworfen, angesprüht oder von ihrem originalen Ort entfernt und sogar Informationstafeln über örtliche Besonderheiten oder historische Ereignisse geschwärzt. Der Wegezustand an vielen Stellen ist unzureichend, umgestürzte Bäume liegen über dem Wanderweg. Die Asphaltierung von Steinbach am Wald bis kurz vor der Schildwiese entspricht nicht der Natürlichkeit des Rennsteiges.
Trotz dieser unerfreulichen Wahrnehmungen ließen wir uns aber die Freude an unserer Rennsteigwanderung nicht nehmen. Zu erwähnen in unserer Wandergruppe sind noch Jonathan, der zehnjährige Sohn von Thomas, der tapfer und ohne Murren die ganze Strecke mit wanderte, und mehrere Familienangehörige, die sich uns an den Pfingsttagen in der Nähe von Neustadt anschlossen.
An der Selbitzbrücke erläuterte Manfred den Standort und unsere Tagesstrecke. Dann forderte er mich auf , einen Tagesspruch zur Einstimmung in die Wanderung zu sprechen.
Ich hatte für diesen Tag einige Zeilen gereimt, die nun ihre Uraufführung erlebten:
An der Selbitzbrücke von Roland Speitel
Nicht „rennen“ meint das R am Stamm.
Denke an „Ruhe“, dann bist du näher dran ! –
Siehe aufmerksam rechts und links des Stegs!
Gehe offenen, suchenden Auges des Wegs!
Der Himmel strahlet hell und blau,
ein Lüftchen weht frühlingshaft lau.
Der Mensch atmet auf, der Winter vorbei,
wie schön ist die Natur im Monat Mai.
Schau dort auf den Wiesenrain hin,
es freut sich der bunte Schmetterling.
Aus dem Versteck im wässrigen Moor
krabbeln Käfer und Schnecken hervor.
Auf Bergwiesen findet man hier und da
Schlüsselblumen, Buschwindröschen und Arnika,
auch Trollblumen, Vergissmeinnicht, Löwenzahn,
unter der Buche vom Specht den Span.
Doch der Rennsteigrunst feinste Zier
ist der vertraute Wanderer neben dir.
Von Blankenstein geht er mit dir der Wege viel
zur Werra nach Hörschel, dort ist das Ziel.
Es ist erhebend, mit gleichem Sinn
gemeinsam zu wandern, so vor sich hin,
zu denken an des Lebens vergangene Zeit
und daran, wie die Welt so schön und weit.
Auf Freunde, an der Selbitz gibt´s keinen Halt,
mit Freude hinein in den Thüringer Wald!
Ergreifet dankbar der Stunde Gunst,
begehet freudig den Rennsteig: „Gut Runst!“

Traditionsbedingt griff sich nun jeder ein Steinchen aus der Selbitz, steckte es in die linke Hosentasche, um es nach Hörschel zu tragen und am Ende der Wanderung in die Werra zu werfen.
Der „Steinerne Wanderer“ am Bahnhof Blankenstein, ein Denkmal für die Rennsteigbegeisterung, errichtet 1903, das einen in Stein gemeißelten Wanderer, gestützt auf den Wanderstab, umgeben von hohen Fichten, darstellt, wies uns den Weg nach Hörschel. Zunächst musste man einen kurzen, aber steilen Anstieg überwinden, um dann das Auge über eine offene, sich weithin dehnende Kulturlandschaft schweifen lassen zu können. Soweit man sehen konnte, dehnte sich ein Meer von tiefgelb blühenden Rapsfeldern, hinter denen sich die sanft geschwungenen Hügel des Franken- und des südlichen Thüringer Waldes ausbreiteten. Frisches Maigrün mischte sich unter die dunklen, erhabenen Fichtenwälder. Wir wanderten staunend und begeistert auf dem Rennsteig durch die Rapsfelder und waren versucht, uns auf eine Bank am Wegrand zu setzen, sehend zu genießen und mit dem Dichter Gottfried Keller zu sprechen:
„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
von dem goldnen Überfluss der Welt!“
Wir wanderten über Kießling, Schlegel, Rodacherbrunn, Brennersgrün – eines der schönsten Dörfer am Rennsteig, bei dem sich die blaugrauen dunklen Schieferhäuser deutlich von dem Grün der umgebenden Natur abheben und das von Ferne vom Altvaterturm gegrüßt wird – vorbei am 1513 gesetzten und damit ältesten Grenzstein am Rennsteig, dem schönen Kurfürstenstein, auf dem Schönwappenweg bis kurz hinter Steinbach am Wald zum Roten Turm.
Der nächste Tag war Pfingstsonntag. Ich freute mich auf das auswahlreiche kalte Büfett mit Müsli, warmem Ei, Thüringer Wurst verschiedener Art, verschiedenen offenen Marmeladen und Honig, frischen Brötchen, Obst u.a. im Frühstücksraum des Gasthauses Hubertus in Neustadt am Rennsteig. Nachdem ich meine Auswahl getroffen hatte, setzte ich mich an den Tisch zu Andreas, Valdesir und Nordfrid, unterhielt mich mit ihnen und genoss das Frühstück. Nach ca. 15 Minuten stutzte ich. Der Kaffee schmeckte. Aber ich hatte mir doch gar keinen Kaffee eingeschenkt! Also bedankte ich mich bei meinem Freund Nordfrid. Doch der winkte ab: „Ich habe dir keinen Kaffee eingeschenkt!“ – Ich sah zu Andreas hinüber. Er lächelte bedeutungsvoll. Also er war es. Ich bedankte mich. Erwähnenswert ist dieses Geschehnis deshalb, weil Andreas und ich uns ja eigentlich noch fremd waren. So wachsen am Rennsteig Wanderfreundschaften rasch zusammen. –
Als Einstimmung auf diesen herrlichen Pfingst-Sonnen-Tag ließen wir Eduard Mörikes Worte auf uns wirken:
Fußreise
Am frischgeschnittenen Wanderstab,
wenn ich in der Frühe
so durch die Wälder ziehe,
Hügel auf und ab;
dann, wie´s Vögelein im Laube
singet und sich rührt,
oder wie die goldne Traube
Wonnegeister spürt
in der ersten Morgensonne,
so fühlt auch mein alter, lieber Adam
Herbst- und Frühlingsfieber,
gottbeherzte, nie verscherzte
Erstlings-Paradieseswonne.
Also bist du nicht so schlimm, o alter
Adam, wie die strengen Lehrer sagen:
Liebst und lobst du immer doch,
singst und preisest immer noch,
wie an ewig neuen Schöpfungstagen,
deinen lieben Schöpfer und Erhalter!
Möcht` es dieser geben,
und mein ganzes Leben
wär` im leichten Wanderschweiße
eine solche Morgenreise.
Heute ging es über die Schildwiese zum Infozentrum Kalte Küche, ein reichlich mit Informationen über den Rennsteig und Thüringen und allerlei Andenken ausgestattetes Haus. Ich kaufte für mein sechsjähriges Enkelchen Fiona-Fabienne eine Schiefertafel mit Originalgriffel, wie ich sie in Lichtenau/Thür. in der Volksschule zum Erlernen des Schreibens und Rechnens als Kind benutzt hatte.
Bei Spechtsbrunn galt es, einen steilen Anstieg zu bewältigen. Es schien zwar die Sonne , aber zum Glück war es nicht zu heiß, sodass der Schweiß sich in Grenzen hielt. Während des Anstiegs und oben wurden wir mit herrlichen Ausblicken ins Tal und auf die Gemeinde Spechtsbrunn in der Tiefe belohnt. Nun ging es wieder durch Hochwald in Richtung Berggasthof Brand, nach einigen Kilometern zum Bahnhof Ernstthal und dann nach Neuhaus am Rennweg.
An einem sich lang hinziehenden Wiesenweg am Rande eines Waldes saßen zwei betagte ältere Frauen und genossen das Pfingstfest. Als wir vorbeikamen, sagten sie: „ Wir sitzen hier und warten, dass uns jemand etwas vorbeibringt; aber es kommt keiner !“ Nach einigen Metern sagte ich zu Nordfrid: „Wenn ich etwas dabei hätte, würde ich den Frauen etwas geben.“ Er kramte einige Bonbons aus, ich ging zurück und bot sie den Frauen an. Freundlich lächelnd nahm jede bescheiden nur ein Bonbon. Ich ließ ihnen aber doch einige mehr zurück.
Es sind die kleinen Erlebnisse, die beim Wandern am Rennsteig in der Begegnung mit fremden Menschen so viel Freude bereiten können.
Der Tag hatte uns auch am Trinius – Ausblick vorbeigeführt, einem wunderschönen Platz mit einem herrlichen Ausblick tief in die Täler des Thüringer Waldes hinein.
Abends saßen wir zusammen in unseren hellblauen Wanderpoloshirts mit der bunt gestickten Aufschrift: Thüringer Rennsteigverein e.V. Neustadt am Rennsteig – Rennsteigwanderung 2010 im Cafe Lusky und ließen den Tag bei lustigen Gesprächen ausklingen.
Kurt Tucholsky machte sich Gedanken über „Die Kunst, richtig zu reisen“.
Diese bedachten wir am Pfingstmontagmorgen vor Beginn unserer Runst: „Entwirf deinen Reiseplan im großen – und lass dich im einzelnen von der bunten Stunde treiben. Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an. Niemand hat heute ein so vollkommenes Weltbild, dass er alles versteht und würdigen kann: hab den Mut zu sagen, dass du von einer Sache nichts verstehst. Nimm die kleinen Schwierigkeiten der Reise nicht so wichtig; bleibst du einmal auf einer Zwischenstation sitzen, dann freu dich, dass du am Leben bist, sieh dir die Hühner an und die ernsthaften Ziegen, und mach einen kleinen Schwatz mit dem Mann im Zigarrenladen. Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben.“
Jetzt war es passiert: Matthias hatte seinen Selbitzstein bei der Steinkontrolle nicht zur Hand. Das bedeutete am Abend für alle eine Runde! Dasselbe Schicksal sollte später auch Andreas ereilen. – Beide trugen es jedoch mit Humor.
Vom Parkplatz an der Rennsteigbaude ging es heute Richtung Neustadt am Rennsteig, wo wir am Abend fast den Mittelpunkt des Rennsteiges erreichen würden. Markante Punkte der Tageswanderung waren: Limbach, wo Gotthelf Greiner 1772 seinen ersten Porzellanbrand machte und somit die Grundlagen der Thüringer Porzellanindustrie schuf. Der Dreistromstein in einer Höhe von 812 m. Er kennzeichnet eine europäische Wasserscheide. Von hier fließen Niederschläge über Schwarza und Saale zur Elbe, über die Werra zur Weser und über den Main zum Rhein. Die Rennsteigwarte mit der Turmbaude, dem einzigen Aussichtsturm direkt am Rennsteig. Masserberg, heute Kurort mit einer bekannten Augenheilstätte in einem erholsamen Mittelgebirgsklima. Der Triniusstein erinnert an August Trinius, der 1899 den Rennsteig erwanderte und in seinem Buch „Der Rennsteig, eine Wanderung von der Werra bis zur Saale“ seine Eindrücke niederschrieb. Die Teufelsbuche, an der im Jahr 1900 von Josef Berta, Ludwig Hertel und Hartenstein der Rennsteiggruß „Gut Runst“ erdacht wurde. Durch Kahlert wanderten wir auf Neustadt zu. „Horch, von fern ein leiser Harfenton, Frühling, ja, du bist`s, dich hab`ich vernommen“, begrüßt Eduard Mörike den Frühling. Wir vernahmen mitten im Grünen in der Ferne einen kräftigen Trompetenton: „Ich wand`re ja so gerne am Rennsteig durch das Land!“ Sehen konnten wir noch nichts, denn einige Büsche am Wegesrand verdeckten die Sicht. Die Melodie wurde lauter und er stand plötzlich vor uns, die Trompete in der Hand, die Backen aufgeblasen: Jens Babiuch. Wir wurden nach langer Tageswanderung vor dem Einzug nach Neustadt mit dem berühmten Rennsteiglied empfangen. Dazu gab es auch noch eine Rund Schnäpschen. Diese Überraschung war gelungen und bereitete allgemein große Freude. Als wir weiter auf Neustadt zu wanderten, erklang es hinter uns: „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinein“ (Original: hinaus).
Manfred Kastner, 1. Vereinsvorstand des Thüringer Rennsteigvereines e.V. und passionierter Wächter über den Erhalt des natürlichen Rennsteiges, führte uns durch das Rennsteig-Museum. Dort hat er mit befreundeten Helfern in jahrelanger Sammler- und Aufbauarbeit einen großen Fundus an historischen Gegenständen und einem unwahrscheinlichen Reichtum an Literatur über den Rennsteig zusammengetragen und liebevoll geordnet. Er gab uns einen Überblick über historische handwerkliche Tätigkeiten, wie die Zunderschwammherstellung, die Köhlerei, die Zündholzindustrie, die Zigarrenherstellung und noch viele interessante Einzelheiten. Danach verbrachten wir den Abend im Hotel-Gasthof-Hubertus. Der Wirt, Andre Leipold, kochte extra auf unseren Wunsch eine Soljanka. Er hatte keine Paprika für diese Suppe. Wo gab es in Neustadt am Pfingstmontag Paprika? Andre schaffte es. Die Suppe wurde mit Paprika gekocht und schmeckte delikat! Als Hauptgericht konnte man Thüringer Klöße und Rehgulasch erhalten. Ein wahrlich königliches Pfingstessen! – Andre ist ein sehr beliebter Gastwirt, der sich auch nicht scheut, sich mitten unter die Gäste zu setzen und ein Witzchen zu erzählen. Man darf auch nicht erschrocken sein, wenn er einen beim Abschied plötzlich in den Arm nimmt und herzhaft drückt! Uns hat es im „Hubertus“ sehr gefallen, besonders wenn Thomas, Olaf und Matthias um die Wette witzelten.
Am nächsten Morgen besuchten wir die Michaeliskirche, die vor 151 Jahren eingeweiht wurde. Herr Pfarrer Kaiser erklärte uns den Aufbau, die Einrichtung, die gegenwärtigen Baumaßnahmen und die eindrucksvollen Kirchenfenster, die „Michaels Kampf“ gegen das Böse darstellen und von Dr. Medardus Höbelt 1989 eingebaut wurden und am besten morgens bei aufgehender Sonne betrachtet werden sollten. Da morgens die Gottesdienste stattfinden, erhalten diese durch das von hinten sonnenbeschienene Bild eine ganz besondere Atmosphäre.
Plötzlich bat uns Herr Pfarrer Kaiser, uns im Kreis aufzustellen und die rechte Hand auf die Schulter des rechten Nebenmannes zu legen, er wolle uns den Wandersegen sprechen. Unter den ausgebreiteten Flügeln des Michael sprach Herr Kaiser mit getragener ernster Stimme. Ich sah, dass unsere Wandergruppe stark beeindruckt, ergriffen war. Dieser Moment war ein Höhepunkt auf unserer Wanderung. Hier war Gottes Nähe zu spüren. –
Neustadt am Rennsteig war vor Jahren eine sehr arme Gemeinde. Die Leute mussten erfinderisch sein, um ihr tägliches Brot zu verdienen. Wegen des rauen Klimas gab es keinen Feldbau. Aber der Wald bot Rohstoffe. Man sammelte Beeren, Heilkräuter und stellte Salben und Tees her. Die Köhlerei fasste Fuß (am Rande des Ortes kann man eine historische Meilerstätte besichtigen). Zunderbaumschwämme wurden gesammelt, bearbeitet und zum Feuermachen eingesetzt; daraus entwickelte sich eine beachtliche Zündholzindustrie. Früher musste man die Ware ja auch verkaufen und sie wurden auf dem Rücken in „Kötzen“ (Tragkörben) ins Tal getragen und angeboten. In Gedenken an diese harte Zeit, den Erfinderreichtum und den Fleiß der Menschen, die damals lebten und die Vorfahren der heutigen Neustädter sind, begannen wir unseren Tag mit dem Werbelied zum Verkauf von Schwämmen und Streichhölzern des Schwammhändlers Wachtel von Neustadt am Rennsteig:
Käft Schwamm! Käft Schwamm,
vom Thüringer Wold-Kamm,
aus Neustadt am Rennsteig!
Wos nis dahcht, schmeiß wag gleich!
Streichhölzle un Schwamm!
Zwä Batzen kost`s z`samm.
Streichhölzle un Schwamm!
Käft,wos mer noch ham!
In Neüstodt am Rennsteig,
do sän mir Leüt net reich.
Sreichhölzle un Schwamm
Is ölls, wos mer ham.
Frisch, fröhlich, frei, fromm,
des is Neüstadter Schwamm!
Un kümmt ner a Fünkle no,
do brüünnt er gleich lichterloh.
Lasst annere ner komm!
Bei mir gits Neüstadter Schwamm!
In Erinnerung an diese Zeit wird heute jährlich das Köhler- und Schwämmklopferfest gefeiert.
Von Neustadt ging es zunächst über freies Feld, dann durch Hochwald zum Großen Dreiherrenstein, dem historischen Mittelpunkt des Rennsteigs. Dieser Stein grenzte vormals zu einer Zeit der Zerstücklung des Landes das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen, das Herzogtum Sachsen-Meiningen und das Königreich Preußen (bis 1815 Henneberg) voneinander ab. Wir wanderten am Bahnhof Rennsteig vorbei und erreichten nach einigen Kilometern den Herbert-Roth-Gedenkstein. Herbert Roth war der Komponist und Sänger des Rennsteigliedes, das heute zum Werbeträger für den Rennsteig geworden ist: „Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land,……Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald, nur nach Dir!“ Natürlich sangen wir zum Gedenken an H. Roth das Rennsteiglied, angestimmt von Horst, sangesgewohntes Mitglied des Neustädter Gesangsvereins.
An der Schmücke, einem alten historischen Gasthaus für Kutscher von Pferdefuhrwerken, die den beschwerlichen Aufstieg auf den Kamm des Thüringer Waldes geschafft hatten, machten wir Rast und labten uns an Thüringer Bratwürsten. Dann ging es weiter zum Großen Beerberg, zum markanten Punkt Plänckners Aussicht, mit 973 m dem höchsten Punkt unserer Wanderung. Man schaut über die Höhen des schönen Thüringer Waldes, in der Ferne tief unten liegen hingeperlt die Häuser von Suhl. Über das ganze Panorama streift aus Wolken ein Fächer von Sonnenstrahlen. Man schließe die Augen, höre ein Klavierkonzert von Chopin und reklamiere J.W.v. Goethes Schlussverse aus dem Osterspaziergang seines Faust: „Hier bin ich Mensch! Hier darf ich`s sein!“ Das ist Leben! – Weiter ging es über die Suhler Ausspanne zum Rondell.
Am Abend, nach der Rückkehr mit dem Auto nach Neustadt, hatten uns hatten uns Manfred und Bärbel Kastner zu sich in den Garten eingeladen. Es war angenehm mild, man konnte gut draußen sitzen. Thomas grillte echte Thüringer Bratwürste auf Holzkohle (natürlich!) und Bärbel hatte einen schmackhaften Kartoffelsalat, mit Dill verfeinert, deshalb ohne Zwiebel, gezaubert. Es mundete allen sehr. Bei angeregten Gesprächen endete so auch dieser erlebnisreiche Tag.
Am Obelisk auf dem Rondell in Oberhof konnte ich tags darauf wieder mit einer Uraufführung in den Tag einführen. Ich fragte mich, was ein „Renner“ ist. (Die Reihenfolge der erwähnten Orte entspricht dabei nicht dem Rennsteigverlauf, sondern ist reimabhängig. Man kann den Rennsteig ja auch in unabhängigen Tagesetappen erwandern):
Der Renner (=Der Rennsteigwanderer) von Roland Speitel
Renner nennt man Frau und Mann,
die von Blankenstein in Hörschel kommen an.
Manchmal trägt er auch den Stein
von Hörsche bis nach Blankenstein.
Igel, Schiefer und Holunder
betrachtet er als große Wunder.
Also kann man wohl bekunden:
Der Renner ist naturverbunden.
Er liebt die Heimatlieder und -geschichten,
will über sie auch unterrichten,
macht sie der Jugend wohl bewusst,
denn er ist tradtionsbewusst.
Der Renner tritt in Gruppen auf,
denn gesellig ist er auch zu Hauf.
Es vereinigen sich in seiner Brust
die Reise- und die Sangeslust.
Er wandert gerne ohne Aufenthalt
durch den schönen Thüringer Wald,
verweilet kurz in Masserberg,
erklimmt den Großen Inselsberg,
erfreut sich an dem Triniusstein
und kehrt in Neustadt am Rennsteig ein,
an Plänckners Aussicht bleibt er steh`n,
um in das weite Land zu seh`n,
glücklich macht ihn die Devise:
Ruhe an der Ebertswiese!“,
verweilet an der Wilden Sau:
„Drüben, dort, die Wartburg, schau!“
Den Renner erkennt man mit etwas Gunst
an dem Rennsteiggruß: „Gut Runst!“
Der Renner, der ist fabelhaft,
„Gut Runst!“ nun auf die Wanderschaft!
Wir wanderten weiter über den Dietzel-Geba-Stein, die Schützenwiese, vorbei am neu gesetzten Gustav-Freytag-Stein zur Ausspanne Neuhöfer Wiese, der Neuen Ausspanne, der Ebertswiese, dem Dreiherrenstein am Hangweg und dem Possenröder Kreuz und erreichten am späten Nachmittag bei leichtem Regen das „Spießberghaus“, wo wir übernachteten.
Am nächsten Tag stand die Wegstrecke Spießberghaus bis nach Ascherbrück an. Frei nach Goethes „Erlkönig“ begannen wir unsere Wanderung:
Wer schreitet so tapfer durch den Wald?
Es ist des Wanderers hehre Gestalt;
Er hält ein Steinchen wohl in dem Arm,
er fasst es sicher, er hält es warm.
Er griff es aus der Saale bei Blankenstein
und will es tragen zur Werra heim
nach Hörschel hin durch den Thüringer Wald,
das will er tun gegen alle Gewalt.
Ach Wand`rer, ach Wand`rer, sieh am Wegesrand
webt die Sonne den Blumen gülden Gewand,
und im Waldesdunkel, siehst du nicht hier,
stehen Thüringer Wurst und schmackhaftes Bier.
Über die anstrengenden Anstiege vom Heuberghaus (689 m) zum Großen Jagdberg (806 m), den Trockenberg (808 m), über die Grenzwiese am Kleinen Inselsberg (726 m) ging es über die Reitsteine zum Großen Inselsberg (916 m). Leider stand der Turm im Nebel. Aber zwischenzeitlich rissen die Wolken auf und machten den Blick frei auf das weite Land. Weiter ging es über den Venezianerstein (830 m) und den Großen Beerberg (841 m) mit seinen Aussichten, über den Göhringsblick zum Dreiherrenstein am Großen Weißenberg (740 m). Nach einer Rast kamen wir dann an der Schillerbuche vorbei, erwanderten den Glöckner (692 m), die Große Meilerstätte (671 m) und das Ruhlaer Häuschen (630 m). Den letzten Abend verbrachten wir in dem idyllisch mitten im Wald gelegenen Waldgasthof Hubertushaus Ascherbrück (553 m). Nordfrid bedankte sich im Namen aller Wanderer bei Olaf für die ausgezeichnete Führung und bei Manfred für die Organisation und Betreuung während der ganzen Zeit. Hatte er uns doch unterwegs mit Thüringer Wurst, frischem Brot und gekühlten Getränken versorgt. Einmal überraschte er uns mit einer fußballgroßen Menge frischem Gehackten, Zwiebeln und Gurken. Wir sangen in fröhlicher Runde Wanderlieder; Matthias erfreute uns durch Liedgesang mit Gitarrenbegleitung. Fremde Wanderer gesellten sich zu uns und wollten das Rennsteiglied hören. Wir erfüllten ihnen diesen Wunsch, und sie sangen dann kräftig mit.
Am letzten Tag von Ascherbrück nach Hörschel liefen wir zwar in einem leichten Landregen, aber im Ganzen gesehen erlebten wir unvergessliche Tage. Frei nach Goethes „Erlkönig“ sollen noch einmal des Wanderers „Lust und Leid“ in Erinnerung an uns vorüberziehen:
Ach Wand`rer, ach Wand`rer, lass walten den klaren Verstand
und sieh die schönen Dinge am Wegesrand:
die Thüringer Bratwurst, den Thüringer Kloß,
wo fällt die sonst Bess`res in den Schoß?
Doch der Wand`rer, er schreitet und schreitet dahin,
er hat nichts als den symbolträchtigen Stein im Sinn.
Und hat er auch in der Ferse ein Loch,
nach Hörschel trägt er den Saalestein doch
und wirft ihn in die Werra hinein,
schließt die Wanderfreunde in die Armen ein.
Und nun nach der Strapazen Leid und Lust
dehnt sich ihm erhaben und stolz die Brust.
Wir waren angekommen. Über die Hohe Sonne, vom Steinkreuz Wilde Sau hatten wir noch einen verregneten Blick auf die Wartburg bei Eisenach, über den Großen Eichelberg ging es nach Hörschel. Als wir dort ankamen, schien wieder die Sonne und warfen unsere Selbitzsteinchen in die Werra, erhielten von Manfred eine Wanderurkunde ausgehändigt und nahmen bei einem letzten gemeinsamen Essen Abschied. Valdesir drückte jeden einzelnen von uns. Er war sehr gerührt, den Tränen nahe. Valdesir, wenn du je diese Zeilen in Brasilien liest: ganz, ganz herzliche Grüße vom Rennsteig aus Deutschland an Dich! –
Unsere Abschiedsgefühle drücken wohl am besten die Zeilen des Operettenliedes aus: „Warum hat denn der Frühling, ach, nur einen Mai?“
Roland Speitel

Bilder Runst 2010