Runst 2004

Rennsteigwanderung 2004 – 169.293,77 km – 28.08.2004 bis 04.09.
Da stehen wir nun an der Selbitzbrücke kurz vor der Saale, wo ein großes R das Ende oder den Anfang des Rennsteiges bezeichnet, je nachdem, in welcher Richtung man wandert. Historisch gesehen, findet man in der Literatur die Beschreibung des Rennsteigs meist von Hörschel nach Blankenstein, so auch in dem Buch: „Thüringen in Wort und Bild“ des Thüringer Pestalozzivereins von 1900. Viele Wanderer halten sich auch an diese Vorgabe, wohl weil es einfacher erscheint, der Richtung der Beschreibung zu folgen. Und doch findet man in jenem Buch auf Seite 116 die Empfehlung: „Es empfiehlt sich, im Osten zu beginnen, weil dann die etwas eintönigen Strecken dem ersten, die Glanzpartien (Oberhof, Inselsberg, Hohe Sonne) dem zweiten Teil zufallen. Der Thüringer Rennsteigverein e.V. Neustadt am Rennsteig folgte dieser Empfehlung. Beim großen R eröffnete der Vorsitzende des Vereins Manfred Kastner die Rennsteigwanderung, erläuterte Herkunft und Bedeutung des Rennsteigs und ging auf wichtige geschichtliche Ereignisse ein. Jeder Wanderer hatte vorher aus der Selbitz einen Flusskiesel entnommen. Dieser wurde nun, wie übrigens an jedem Morgen zu Beginn der Wanderung, vorgezeigt, ein Wandersprüchlein gesprochen und Manfred wünschte: „Gut Runst!“ Auf ging es! Der Flusskiesel sollte nach Hörschel getragen und dort in die Werra geworfen werden.
Der Aufstieg von Blankenstein zur Schutzhütte „Am Kulmberg“ von 430 m auf 729 m ist zunächst langweilig und beschwerlich. Hat man ihn aber geschafft, kann man sich auf die wundervolle Rennsteiglandschaft auf dem Kamm des Thüringer Waldes freuen und ab und zu die Aussicht in die Ferne genießen. An manchen Stellen möchte man sitzen bleiben und gar nicht weiter wandern, z. B. auf dem Aussichtsturm bei Masserberg, auf dem Kammweg bei Neustadt am Rennsteig, auf der Schmücke, auf dem Großen Inselsberg, auf dem Großen Beerberg, an der „Wilden Sau“ mit dem herrlichen Ausblick auf die Wartburg. In „Thüringen in Wort und Bild“ wird eine Rennsteigwanderung (schon 1900) wie folgt beschrieben:
„Eine Wanderung über den Rennsteig des Thüringer Waldes birgt ganz eigenartige Reize. Nicht ganz mühelos, an einigen Stellen wohl auch einförmig, gewährt sie doch dem Naturfreund – freilich nicht dem Salonfex – eine Fülle der reinsten Genüsse. Das ununterbrochene Wandern in leichter, frischer, vom Balsamduft der Tannen durchwehten Höhenluft befreit Leib und Seele von ihren Gebresten. Hier oben findet der Sohn des elektrischen Zeitalters erwünschte Gelegenheit auszuspannen und sich auf sich selbst zu besinnen, weit ab vom Getriebe der Städte, vom Staub der Straßen, vom Rollen der Räder, vom Lärm der Fabriken, …“
und an einer anderen Stelle heißt es von der Schönheit der Landschaft:
„Ein großartiger Panoramablick breitet sich vor unseren erstaunten Blicken aus, ein unbeschreiblich schöner Kranz von Wäldern, Fluren und Bergen in den schönsten Formen umgibt uns und entrollt uns ein herrliches, reiches Naturbild mit all den Schönheiten, mit welcher die gütige Schöpferhand unser liebes Thüringerland reich geschmückt hat.“
Schöner kann man auch heute die Eindrücke während einer Rennsteigwanderung nicht beschreiben. Welch unvergessliches Bild am Frankenwaldblick: vor uns das Auf und Ab wogender saftgrüner Wälder bis zum Horizont, gefleckt durch Nebelfetzen, die in der Frühe von den noch regennassen Bäumen aufsteigen; über uns noch dunkle Regenwolken, aber an der Kimme, ganz in der Ferne zwischen Gebirgskamm und Himmel ein Streifen blauen Firmaments, orangenrot und golden gefärbt vom Glanz der aufsteigenden Sonne. – Als Kontrast bot sich uns der Blick vom Inselsberg ganz anders dar: strahlend blauer Himmel, ein Panoramablick von hoch oben über den Kamm des grünen Thüringer Waldes weit hinaus in die Ferne der verfließenden Ebenen, gefleckt durch goldgelbe Getreidefelder. Und dann verlief unsere Wanderung wieder durch die schönen Wälder, durch eine Gasse von schlanken, aufragenden Tannen, vorbei an lichten Bergwiesen und durch die sonnendurchfluteten Buchenwälder im nördlichen Teil des Wanderweges.
Bei einer mehrtägigen Runst bietet sich natürlich während des Wanderns oder abends in geselliger Runde viel Gelegenheit zu ausführlichen Geprächen über Politik, Kultur und
Philosophie. Dieter Frank, der an zwei Abenden zu Gast war, gab uns als ausgezeichneter Kenner der Ost-West-Wanderwege wertvolle Informationen. Bei unserer Wanderung spielten die historischen Grenzsteine eine herausragende Rolle, weil wir Fachleute dabei hatten, die die Neuvermessung des Thüringer Rennsteiges durchgeführt haben. Ulrich Rüger, der uns begleitete, hat in einer umfassenden Dokumentation „Die historischen Grenzsteine des Rennsteiges in der Neuhäuser Region“ (Titel des Buches) dargestellt. Von ihm konnten wir viel Wissenswertes erfahren. Bisher gab man die Länge des Rennsteigs mit 168,3 km an. Die Neuvermessung ergab 169 km 293 m 77 cm.
Man begegnet auch vielen Wanderfreunden. Den echten Rennsteigwanderer erkennt man am Gruß: „Gut Runst!“. Der Sonntagsspazierer lächelt, wenn er diese Worte hört, weil er aus Unkenntnis etwas anderes assoziiert. Wir mussten also viel Aufklärungsarbeit leisten!- Eine Wandergruppe aus Stuttgart hatte sich gut vorbereitet und den Text des Rennsteigliedes von Herbert Roth: „Ich wand`re ja so gerne…“ in Text- und Notenform dabei. Es war selbstverständlich, dass wir gemeinsam, mitten zwischen hohen Tannen an einer Rennsteigbaude dieses Lied sangen. Dadurch entstand zu aller Freude eine heitere Atmosphäre, und unsere Stuttgarter zogen anschließend fröhlich winkend mit: „Gut Runst!“ weiter. Es begeneten uns auch Menschen mit Witz und Charme:
„Wo wanderst du hin?“
„Zur Werra!“
„Zur Werra? Ist das deine Frau?“-
Wer mehr solcher komischen Wortwechsel wissen möchte, der muss eben zum Rennsteig und wandern.
Der Rennsteig bietet noch vieles mehr: ob Musik im Festzelt, die berühmte Thüringer Bratwurst am Wegesrand, das deftige Bauernfrühstück, das Wildgulasch mit Thüringer Klößen oder das Bad im Heubett, die Erzeugnisse der Buckelapotheker oder die Kunstwerke der Glasbläser: die Rennsteigwanderung kann sehr abwechslungsreich sein, wenn man sie mit offenen Blicken begeht. Nicht unerwähnt soll der freundliche Wirt Röse vom Gasthaus am Rennsteig am Dreiherrenstein, dem Mittelpunkt des Rennsteiges, bei Neustadt bleiben. Er empfing uns mit einem freundlichen Rennsteiggruß in flüssiger Form.
Am achten Wandertag erreichten wir Hörschel. Wir blickten zurück auf herrliche Tage, in denen wir Natur und Geselligkeit erleben und genießen durften. Jetzt trugen wir ein klein wenig Wehmut im Rucksack mit, weil eine schöne, erfüllte Zeit zu Ende ging. Am Werraufer warfen wir unsere Steine, die wir 169,294 km von der Saale bis hierher getragen hatten, in die Werra.
Am letzten Abend am runden Stammtisch im Hubertushaus dankten wir dem Vorsitzenden des Thüringer Rennsteigvereins Manfred Kastner für seine ausgezeichnete Organisation und Durchführung unserer Runst. Der Autor dieser Zeilen möchte auch im Rückblick auf das Jahr 2004 mit einem Gedicht von Wilhelm Müller enden:

Im Krug zum grünen Kanze,
Da kehrt ich durstig ein.
Da saß ein Wandrer drinnen
Am Tisch beim kühlen Wein.

Ein Glas war eingegossen,
Das wurde nimmer leer;
Sein Haupt ruht` auf dem Bündel,
Als wär`s ihm viel zu schwer.

Ich tät mich zu ihm setzen,
(An dieser Stelle setzt sich der Autor in Gedanken neben Manfred)
Ich sah ihm ins Gesicht,
Das schien mir gar befreundet,
Und dennoch kannt ich`s nicht.
Da sah auch mir ins Auge
Der fremde Wandersmann
Und füllte meinen Becher
Und sah mich wieder an.
Hei, was die Becher klangen!
Wie brannte Hand in Hand!
„Es lebe die Liebste deine,
Herzbruder, im Vaterland!“
Gut Runst Freunde!

Renner Roland Speitel aus Insheim