Runst 2000

Bericht über die Rennsteigrunst 2000 vom 26.08. – 01.09.2000
Ein Reisebericht von Roland Speitel – Insheim
Der Rennsteig – viele Wanderer kennen ihn als den Höhen-Wanderweg des Thüringer Waldes. Seine Geschichte ist verbunden mit Namen wie Julius von Plänckner, der 1830 den Verlauf des Rennsteiges von Hörschel nach Blankenstein bestimmte, Ludwig Hertel, der 1892 die Gründung des Rennstelgvereins anregte, was 1896 im Forsthaus Weidmannsheil verwirklicht wurde oder Herbert Roth, dessen populäre Musik die Rennsteigwanderfreunde erfreut.
Dieser Rennsteig kann zur Passion werden. Dazu tragen verschiedene Voraussetzungen bei: die erstklassige ansprechende Wegemarkierung, die sorgfältige Pflege des Wanderweges, die Schönheit der Natur, das gesunde Höhenklima, die gepflegte Gastronomie mit einem reichhaltigen Angebot und die Gastfreundlichkeit und Geselligkeit der Menschen, denen man bei den Wanderungen begegnet.
Ich möchte von einer Rennsteig-Runst berichten, die mir persönlich zum unvergesslichen Erlebnis geworden ist. Vor einiger Zeit bekam ich Kontakt zum Thüringer Rennsteigverein e.V. Neustadt am Rennsteig. Der Verein plante eine Rennsteigwanderung vom 26. 08. bis zum 01. 09. 2000. Meine Bedenken, ob ich diese Wanderung von 170,99 km (neuestes Messergebnis!) durchstehen könnte, wurden mir vom Vorsitzenden des Vereins, Herrn Manfred Kastner, als unbegründet bedeutet. Zwar stellte sich später heraus, dass der eine oder andere Wanderfreund mit Blasen an den Füßen zu kämpfen hatte; aber die Betreuung durch den Verein ließ solche Erscheinungen zu Nebensächlichkeiten werden.
Unsere Wanderung begann in Blankenstein, also entgegensetzt der üblichen Wanderrichtung, was wir bald als sehr sinnvoll empfanden. Wir hatten die Sonne im Rücken, also immer ein gut beleuchtetes Blickfeld vor uns, und die landschaftlich schöneren Teilstrecken erfreuten uns am Ende der Wanderung. Begleitet wurden wir vom oben schon genannten Vorsitzenden des Vereins, vom Rennewart Helmut Beetz und von unserem Wimpel mit der Aufschrift „Thüringer Rennsteigverein Neustadt am Rennsteig“. Dieser Wimpel erwies sich als sehr nützlich, denn er hielt das Häuflein der aufrechten Wanderer zusammen; Ausreißversuche konnten bald mit Hinweis auf den Verbleib in Wimpelnähe unterbunden werden. Zudem erregte der Wimpel allgemeine Aufmerksamkeit auf das Grüppchen, das sich vorgenommen hatte, die volle Wegstrecke des Rennsteiges zu durchwandern.
Es ging also los in Blankenstein. Der Vereinsvorsitzende informierte über die Geschichte des Rennsteiges. Traditionell suchte sich jeder Teilnehmer einen Stein in der Saale. Den sollten wir bis Hörschel tragen. Und wehe, jemand passte auf dieses Kleinod nicht auf! – Denn jeden Morgen gab es vor dem Aufbruch zur nächsten Etappe die „Steinprobe“. Wer seinen Stein nicht vorzeigen konnte, musste am Abend eine Runde zahlen. (Zum Glück passierte das dann auch!) Nachdem der Rennewart oder ein Wanderfreund, bzw. eine Wanderfreundin den Tages-Wanderspruch gesprochen hatte, ging die „Rennsteig-Fahrt“ los. Zunächst voller Freude und Spannung. Aber bald spürten wir, worauf wir uns eingelassen hatten. Es ging bergauf. Die Sonne schien. Das trieb den Schweiß! Bald stellten wir fest: „Wir wollten das ja so!“
Die Schönheit der uns begleitenden Landschaft entschädigte uns für die Strapazen. Und am Abend schmeckten das Bier und die Thüringer Klöße oder die auf dem Holzkohlengrill gerösteten Thüringer Bratwürste. Dieser Tagesablauf wiederholte sich nun einige Male; aber es gab weitere Höhepunkte: jeweils nach ca. zehn Kilometer Wanderstrecke am Morgen erwartete uns Manfred mit einer zünftigen Mahlzeit: frischem Brot, Thüringer Leber- und Blutwurst, Schinken, getrockneten Landwürstchen und verschiedenen Beilagen; und natürlich einer Kiste Bier – oder auch zwei? Dazu hatte er den Holztisch der Sitzgruppe, die es reichlich am Wegesrand gibt, mit einer rustikalen Tischdecke verschönt. Kein Wunder, dass es uns allen in dieser herrlichen Umgebung mitten im Thüringer Wald vorzüglich schmeckte.
Der Wirt vom Großen Dreiherrnstein hatte uns mit „Thüringer Waldhexel“ beschenkt. Das war dann das I-Tüpfelchen nach der Mahlzeit oder beim Wandern. Komischerweise vermehrte sich dieses „Waldhexel“ unterwegs auf wunderbare Weise. Jedenfalls reichte es fast bis zum Schluss unserer Rennsteigrunst. Unterwegs erlebten wir weitere Höhepunkte: Als wir bei Uwes und Gerda’s Zuhause vorbeikamen, wurden wir mit sämtlichen Vorräten aus der Hausbar überrascht. Und die genossen wir auf einer herrlichen Höhenwiese mit seltenen Bergpflanzen bei strahlendem Sonnenschein. In Neustadt am Rennsteig gab es bei Manfred auf Holz gegrillte und mit Bier gewürzte Thüringer Bratwürste und Fassbier. Schon beim Bratduft, der in die Nase stieg, lief uns das Wasser im Mund zusammen.
Waren wir am Anfang ein bunt zusammengewürfeltes Häuflein Wanderer aus Baden-Baden, Berlin, der Pfalz und natürlich aus Thüringen, die sich erst am ersten Tag kennenlernten, so machte uns die tägliche, durchaus anstrengende Wanderung immer mehr zu Wanderfreunden. Nicht nur zwischen den Wanderern aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands, sondern auch zwischen den noch jugendlichen und auch den älteren Teilnehmern entstand bald eine herzliche Einvernehmlichkeit. Danke, Karl-Heinz, für deine netten Witzchen unterwegs!- Danke Uwe, für deinen unverwüstlichen Humor!-
„Und Immer wieder zieht der Rennsteig mich in seinen Bann, und immer Neues weiß er zu berichten; ein jeder wappenstolzer Rennsteigstein im dunklen Tann erzählt mir wundersame Waldgeschichten.“
So schrieb Julius Kober 1955. Auch wir besuchten die markanten Punkte des Rennsteigs und genossen die herrliche Landschaft: den herrlichen grünen Fichtenwald, durch den wir tagelang wanderten, die Fernsicht an den Aussichtspunkten weithin über die Wipfel der Bergrücken des West- bzw. Ostabfalles des Thüringer Waldes, besonders an „Plänckners Aussicht“, den Schönwappenweg, an dem die best erhaltensten Rennsteig-Grenzsteine zu bewundern sind, die Rennsteigwarte Masserberg, Neustadt am Rennsteig, Oberhof, den Großen Inselsberg, das Glöckner Rennsteigehrenmahl, die „Wilde Sau“ mit dem wunderschönen Blick auf die Wartburg usw. Ein Höhepunkt war auch eine Gedenkminute am Ehrenmal für Herbert Roth, wo uns Manfred das inzwischen weltbekannte Rennsteiglied vorspielte, das wir bald kräftig mitsangen.
Von verschiedenen Rennsteigvereinen oder Förstern bekamen wir unterwegs streckenweise Zuwachs. So erhielten wir wertvolle Informationen über die Geschichte des Rennsteigs und über die landschaftlichen Besonderheiten. Die Strapazen am Anfang der Wanderung lösten sich bald zu einem durch die äußeren und inneren Erlebnisse beeinflussten leichtem Dahinwandern. Erstaunlich, dass unsere Wanderkameradin Karin aus Berlin nach 150 km zu leiser Mundharmonikamusik auf dem Rennsteig mehr tänzelte als zu wandern. So kann das Wandererlebnis die menschliche Seele befruchten.
Welche menschlichen Gefühle eine mehrtägige Rennsteigrunst hervorrufen kann, zeigt die Tatsache, dass sich die Wanderfreunde, die sich vor sieben Tagen in Blankenstein erst kennengelernt hatten, in Hörschel, nachdem sie ihre Steine in die Werra geworfen hatten, in die Arme fielen und herzlich drückten. Es gab sogar Tränen in den Augen. Man war stolz, die Herausforderung geschafft zu haben und einer sehr harmonischen Wandergruppe anzugehören. Es bleiben die angenehme Erinnerung und der Wunsch, sich bald einmal wieder zu treffen.
Ich kann mich nur für die hervorragende Organisation des Thüringer Rennsteigvereins Neustadt am Rennsteig und für die menschliche Zuneigung aller Wanderfreunde sehr herzlich bedanken.
Gut Runst, Freunde!
Roland Speitel