Runst 2002

Bericht über die Rennsteigrunst 2002 vom 17. bis 23.05.
Ein Reisebericht von Roland Speitel – Insheim
(Verse frei nach J. W. v. Goethe)
Wer schreitet so tapfer durch den Wald?
Es ist des Wanderers hehre Gestalt;
er hält ein Steinchen wohl in dem Arm,
er fasst es sicher, er hält es warm.
Er griff es aus der Saale bei Blankenstein
und will es tragen zur Werra heim,
nach Hörschel hin durch den Thüringer Wald;
das will er tun gegen alle Gewalt!
Gegenüber dem Bahnhof in Blankenstein steht ein Gedenkstein zu Ehren von Julius von Plänkner, dem Begründer der wissenschaftlichen Rennsteigforschung. Ein steinerner Wandersmann hat den Beutel auf dem Rücken und den Wanderstock in der Hand. Er erinnert an die lange Tradition der Rennsteigwanderung, die einst war, gegenwärtig lebt und fortbestehen wird.
1896 wurde der Rennsteigverein gegründet. Kurze Zeit später wurde es Brauch, dass alljährlich zu Pfingsten eine Rennsteigwanderung unternommen wurde, die „grosse Runst“. Mit dem Ziele, diese Tradition in Ehren zu halten und fortzusetzen, plante und veranstaltete der Thüringer Rennsteigverein e.V. Neustadt am Rennsteig in diesem Jahr eine grosse Pfingstrunst.
25 Wanderfreunde, die einen grossen Einzugsbereich des Vereins von Kiel über Erwitte, verschiedenen Orten Thüringens, Mainburg, Schonungen, Insheim in der Pfalz bis hin nach Kärnten in Österreich repräsentieren, trafen sich also an der Selbitzbrücke in Blankenstein zu dieser großen siebentägigen Wanderung.
Die ausgestreckte Hand des Vereinsvorsitzenden Manfred Kastner zeigte den Weg: „Hier geht es nach Hörschel, 168,3 km. Sucht euch einen Stein in der Selbnitz, den wollen wir zur Werra tragen!“.
Helmut Beetz, unser Rennewart, ergriff den Vereinswimpel und wanderte weit ausschreitend voraus.
Die Schilder am ausserordentlich gut markierten Rennsteig wiesen uns den Weg, aber auch die Kilometerzahlen 168,3 – 166 – 161 ….. Diese Kilometerzahlen nahmen sehr, sehr langsam ab – und noch so viele Kilometer vor uns! –
Aber bald, nach einem etwas anstrengenden Aufstieg bei herrlichem Sonnenschein nahm uns die Natur, diese herrliche Landschaft mit einem weiten Rundblick über durch die Sonnenstrahlen intensiv goldgelb wirkenden Rapsfelder, gefangen.
Ach Wand’rer, ach Wand’rer, sieh am Wegesrand
webt die Sonne den Blumen gülden Gewand. –
Ausserdem erleichterte uns ein „Gut Runst am Rennsteig“, das uns durch das Signalhorn eines vorbei fahrenden Polizeiautos zugerufen wurde, die ersten Schritte.
Bald tauchten wir auch in das kühle Waldesdunkel ein, und es erwartete uns – durch den Verein excellent organisiert – eine zünftige Brotzeit mit Thüringer Rot- und Leberwurst und einer Flasche gut gekühlen Bier.
Und im Waldesdunkel, siehst du nicht hier, stehen Thüringer Wurst und schmackhaftes Bier.
Nach erholsamer Rast wanderte unsere Gruppe weiter und fand, erfüllt durch den Anblick des herrlichen Thüringer Waldes, der durch zartgrüne Bergwiesen anheimelnd unterbrochen wird, in ernsten und heiteren Gesprächen mehr und mehr zusammen.
Man erreicht Steinbach am Wald, das erste Nachtquartier, nach 27,9km und an den weiteren Tagen Neuhaus am Rennweg, den Dreistromstein bei Friedrichshöhe, wo die Wasser in Rhein, Weser und Elbe abfliesen – ein Beleg dafür, dass Thüringen im Herzen Deutschlands liegt – und schliesslich Neustadt am Rennsteig, den Mittelpunkt unserer Wanderung. Dort, 2 km vor Neustadt, erwartete uns ein unvergesslicher, beeindruckender Pfingstsonntag. Schon unterwegs hatten uns ca. 40 Wanderfreunde des Thüringer Rennsteigvereines abgeholt und waren einige Kilometer mit uns gewandert. In Kahlert empfing uns dann der Duft von Rostbrät’l und Thüringer Rostbratwurst. An aufgestellten Biertischen und -bänken kam es zu einer geselligen Pfingstbegegnung in pfingstsonntäglicher harmonischer Atmosphäre. Man plauderte, tauschte Neuigkeiten und Erfahrungen aus und genoss einfach den herrlichen Tag und die Gemeinschaft. Kein Wunder, dass unserem Kieler Wanderfreund das Pfeifchen besonders gut schmeckte!
Ach Wand’rer, ach Wand’rer, lass walten den klaren Verstand
und sieh die schönen Dinge am Wegesrand,
die Thüringer Bratwurst, den Thüringer Kloss,
wo fällt dir sonst Bess’res so leicht in den Schoss?
Weiter ging es auf dem Rennsteig durch Neustadt, wo allein im Ort sechs Rennsteiggrenzsteine den Weg markieren. Überhaupt waren diese Steine – mit Höhepunkt am Schönwappenweg – unsere ständigen Begleiter. Ulrich Rüger schöpfte aus seinem reichhaltigen Wissen und gab zu solchen markanten Punkten jeweils ausführliche Hinweise und Informationen.
In Neustadt hat der Rennsteig auch als Landesgrenze eine besondere historische Bedeutung. Er trennte bis 1923 das Dorf in einen Sachsen-Meiningischen und einen Schwarzburg-Sondershäusischen Teil, was sich auch auf die soziale Struktur bis hin zu zwei getrennten Friehöfen auswirkte.
Die Freundlichkeit der Menschen am Rennsteig begegnete uns in Volkmar, dem Wirt am Grossen Dreiherrenstein, der nicht nur alte Freunde wiedererkannte und begrüsste, sondern die Wanderer auch mit speziellen Begrüssungsgetränken erfreute. Danke Volkmar!
Es ging weiter vorbei an Allzunah und dem Bahnhof Rennsteig, der höchstgelegenen Bahnstation Thüringens, hin bis zum Herbert Roth Gedenkstein, dem grossen Sohn Thüringens, der mit seiner Musik und dem inzwischen weltbekannten Rennsteiglied seine Liebe zu seiner thüringischen Heimat bekundet hat. Hier erwartete uns eine weitere besondere Überraschung des Vereins auf unserer Wanderschaft: Ein grosser Suppenkessel mit wohlschmeckender Goulaschsuppe nach Hausmacherart. Damit hatte niemand gerechnet, denn die Köche und Vereinsvorstände hatten nichts verraten. Und so gelang die Überraschung und es schmeckte allen vorzüglich in der frischen Bergluft!
Wir wanderten wohl gestärkt weiter an der legendenreichen Schmücke, einer Bergwirtschaft, bis zum Erholungs- und Wintersportort Oberhof, wo abends in der Schanzenbaude – man sollte es nicht glauben nach den anstrengenden Wandertagen – sich unsere Wanderfreunde beim Tanze vergnügten. Wo waren die Blasen geblieben?
Nach Nordwesten zu ist der Rennsteig besonders einsam und romantisch. Die Ebertswiese bildet mit dem Bergsee und dem Splitterfall ein Kleinod. Wunderschöne Wanderwege durch hohe Fichtenbestände und dann durch Buchenwald mit Wartburgblick begleiten den Wanderer. Von den Höhen, von Plänkners Aussichtsterasse (973 m NN) auf dem Grossen Beerberg und besonders vom Inselsberg (916 m NN) hat man imposante Fernblicke. „Von Gipfel zu Gipfel wandert der Blick und taucht hinab in die in Blau und Sonnengold schwimmende Ferne“, schrieb einst August Trinius.
Wir waren im „Grünen Herzen Deutschland“ mit seinen ursprünglichen und einsamen Wäldern und Weiten, wo der Mensch eins wird mit der Natur, wie es in einer Werbeschrift heisst. Hier, mitten im Wald, erlebten wir im „Spiessberghaus“ und im „Hubertushaus Ascherbrück“ Höhepunkte Thüringer Gastronomie und Erholsamkeit.
Leider näherte sich nach 7 Tagen Wanderns das Ende der gemeinsamen, erfüllten Zeit allzu rasch, und die Stunde, in der der Selbitz-Saalestein in das Wasser der Werra eintauchen würde, stand allzunah bevor.
Doch der Wand’rer, er schreitet und schreitet dahin
er hat nichts als den symbolträchtigen Stein im Sinn.
Und hat er auch in der Ferse ein Loch,
nach Hörschel trägt er den Saalestein doch
und wirft Ihn in die Werra hinein,
schliesst seine Freunde in die Arme ein.
Und nun nach der Strapatzen Leid und Lust
dehnt sich bei ihm erhaben und stolz die Brust!
Es war eine erfüllte, erlebte, unvergessliche Zeit mit euch, liebe Wanderfreunde, auch mit dir, Silvia, die ich namentlich nennen möchte, die du dein Baby im sechsten Monat über den Rennsteig getragen hast. Wir alle wünschen dir, dass all das Schöne, das wir erleben durften, sich auf die Gesundheit und das Wesen deines Kindes auswirken möge!
Euch allen liebe Wanderfreunde und „Renner“ – ich habe die zurückgedrengten Tränen wohl gespürt, als ich im Wirtshaus in Hörschel die Morgensprüche im Zusammenhang zum letzten mal vortragen durfte, ich hab es wohl gespürt.
Euch allen ein herzliches „Gut Runst“ und der Organisation des Thüringer Rennsteigvereins e.V. Neustadt am Rennsteig ein noch herzlicheres Dankeschön!
‚Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land …
Bin ich weit in der Welt habe ich Verlangen
Thüringer Wald nur nach Dir‘
und nach euerer Gemeinschaft, Freunde!

Roland Speitel aus Insheim